Archiv der Kategorie: Presse

Das werden Sie ja wohl schaffen

Euerbach diskriminiert
Euerbach diskriminiert Menschen mit Behinderung

Vom tapferen Kampf eines bayerischen Gemeinderates gegen einen uneinsichtigen Rollstuhlfahrer

Bild zeigt Rollstuhlfahrer vor einer Treppe
Vom tapferen Kampf einer bayerischen Gemeinde gegen einen uneinsichtigen Rollstuhlfahrer

Für Menschen mit Behinderung sind Inklusion und Barrierefreiheit zwei wichtige Eckpfeiler der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Eindeutige Gesetze und Verordnungen stehen uns Menschen mit Behinderungen zumindest theoretisch gegenüber der öffentlichen Verwaltung zur Seite, wie UN-Behindertenrechtskonvention, das Behindertengleichstellungsgesetz und das Grundgesetz Artikel 3, Abs. 3 mit seinem Benachteiligungsverbot.

Doch was machen, wenn sich Gemeinden und Behörden verweigern und lieber ihre Energie in eine Verhinderungspolitik investieren ganz nach dem Motto, wir lassen uns nicht von außen reinreden?

Genau ein solcher Fall erhitzt seit einigen Jahren die Gemüter in der nordbayerischen 3000 Seelen Gemeinde Euerbach und insbesondere das Gemüt des
Fachteams-Mitglied Norbert Sandmann.

Menschen mit Behinderung immer noch Bürger 2. Klasse?

In Euerbach werden Menschen, welche auf Rollstuhl oder Rollator angewiesen sind, von öffentlichen und politischen Veranstaltungen in der Gemeinde ausgeschlossen, weil der betreffende Sitzungssaal/Veranstaltungsaal nur über 3 Stufen erreichbar ist.

Aussage des Bürgermeisters, „wir hatten jahrelang einen Schwerbehinderten, der kam die Stufen auch hoch, das werden Sie ja wohl auch schaffen“. Entsprechende Anträge auf einen barrierefreien Zugang werden regelmäßig vom Gemeinderat abgelehnt und das mit Begründungen, die nicht mehr in die heutige Zeit passen. Zu teuer, zu wenige Nutzer, nicht machbar usw. Kostengünstige Vorschläge von Betroffenen in Höhe von ca. 8.000 €uro werden ignoriert, stattdessen werden überteuerte Lösungsvorschläge von Gemeindemitarbeitern in Höhe von ca. 37.000 €uro präsentiert, um dann diese auf Grund „unverhältnismäßiger“ Kosten abzulehnen. Gesprächsangebote werden regelmäßig ignoriert. Und zu guter Letzt muss eben der Brandschutz als Totschlagargument herhalten, um die barrierefreie Zugangsforderung abzuschmettern – und das bei einem Gebäude aus den 1990er Jahren.

Auch das Einschalten des Staatssekretärs Herrn Hintersberger vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales mit der Bitte, um nochmalige wohlwollende Prüfung werden ignoriert.

Mehrere Interventionen an Gemeinderatsmitglieder, Kommunalaufsicht und die Behindertenbeauftragte bleiben unbeantwortet. Selbst das zuständige Landratsamt Schweinfurt reagiert hier äußerst fragwürdig und verstößt gegen geltendes Recht im Sinne der UN-BRK, dem Benachteiligungsverbot laut Grundgesetz, wenn es im Schreiben vom 22.01.2015 anführt:

Ein Anspruch auf barrierefreien Zugang zum bestehenden Sitzungssaal kann nicht aus kommunalrechtlichen Vorschriften abgeleitet werden.“ Weiter wird angeführt: „Hingegen kann nicht verlangt werden, dass der Sitzungsraum so beschaffen sein muss, dass er für Jedermann (z.B. auch für Allergiker mit extrem hohen Anforderungen an die Luftreinheit) zugänglich ist…so dass rein kommunalrechtlich auch ein Zugang mittels Hilfestellung der Öffentlichkeit gerecht würde“.

Gerade die letzte Argumentation der Behörde sagt nichts Anderes aus, als das der Rollstuhlfahrer sich samt Rollstuhl hochtragen lassen kann – sofern genug „helfende Hände“ vorhanden sind. Doch dies würde einerseits einer Zurschaustellung des Menschen mit Behinderung gleichkommen und entspricht nicht dem Grundgedanken des Menschenrechts auf Barrierefreiheit, nämlich das bauliche Anlagen „auf die allgemein übliche Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe auffindbar, zugänglich und nutzbar sind“.

Man stelle sich bildlich vor, wie die Gemeinderäte den Betreffenden mit E-Rolli hochtragen, das sind dann schnell mal 200 bis 300 Kg!

Stellenausschreibung Euerbach
Euerbach sucht starke Männer um Inklusion weiterhin hinten anzustellen

 

Was machen die Gemeinderäte? Sie stellen sich hinter ihren Bürgermeister, entsprechender der Aussage „Wir müssen nach außen Einigkeit zeigen“. Ein solches Verhalten hätte besser in eine andere Epoche gepasst, in die Zeit als Menschen mit Behinderungen noch als „Unnütze Esser“ galten, in eine Zeit in der man uns wegsperrte, weil man sich für uns schämte.

Zugegebenermaßen wurden in den letzten fast 5 Jahren ein paar weniger bedeutende Anträge zur Umsetzung der UN-Behindertenkonvention von den Gemeindeverantwortlichen in Euerbach umgesetzt. Zu nennen sind da die Ausschilderung einer Behindertentoilette und die Verbreiterung eines Wegdurchlasses, damit dieser für Rollstuhlfahrer nutzbar ist. Doch der große Wurf blieb aus.

Am Beispiel der Causa Euerbach, der leider kein Einzelfall in Deutschland ist, zeigt sich, dass trotz UN-Behindertenrechtskonvention, Grundgesetz und Behindertengleichstellungsgesetz und Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz sogar diejenigen, die zuoberst in der Pflicht stehen, die gesetzliche Theorie in der Praxis umzusetzen, unbehelligt Menschen weiterhin diskriminieren können.

Die sicherlich nett gemeinten „Hilfsangebote“, die der Epoche des fremdbestimmten Fürsorge-Zeitalters entsprechen, passen nicht in das Zeitalter einer Menschenrechtskonvention.

Genau das Thema Barrierefreiheit und Inklusion muss in den Köpfen der Entscheider ankommen. Es nützt nichts, wenn Politiker von der Bedeutung und Wichtigkeit der Inklusion reden, aber deren Bedeutung nicht verstanden haben. Wenn Planer die Zusammenhänge zwischen Mindestanforderungen an Barrierefreiheit und deren praktischen Nutzen für Menschen mit Behinderung nicht verstehen. Es muss endlich Schluss sein, dass barrierefreies Bauen immer gleichgesetzt wird mit Bauen für Behinderte! Jeder kann eine barrierefreie Toilette benutzen, dazu braucht er keine Behinderung.

Was muss also passieren, damit die Umsetzung unserer verbrieften Rechte langfristig zum Erfolg führt?

Unsere bestehenden Gesetze scheinen jedenfalls nicht ausreichend zu sein. Sonst kämen wir uns oft nicht wie Don Quijote vor. Und die vielerorts eingesetzten Behindertenbeauftragten oder Behindertenbeiräte erfüllen – wenn überhaupt – meist nur eine moralische Alibi-Funktion, solange sie nur Empfehlungen zu Dingen abgeben dürfen, sofern man sie überhaupt von Anfang an einbezieht.

Für uns als Fachteam muss das Ziel lauten, dass die Verweigerung angemessener Vorkehrungen zur Barrierefreiheit als Diskriminierungstatbestand im AGG und BGG verankert werden muss.

Barrierefreies Bauen muss von Fachplanern bei den Bauaufsichtsbehörden kontrolliert und die Verstöße ähnlich wie beim Brandschutz müssen sanktioniert werden.

Dazu hat sich auch der BSK-Bundesverband klar positioniert. Im Rahmen der Podiumsdiskussion, die der BSK Mitte März in Berlin veranstaltete, wurde die Forderung nach einer Novellierung des AGG laut. (Lesen Sie dazu auch die Pressemitteilung „Novellierung des AGG“ über die Veranstaltung BSK im Dialog auf Seite 4)

www.barrierefreifueralle.de

E-Mail: ft-bauen@bsk-ev.org

Norbert Sandmann

Mitglied im Fachteam Bauen

Leben&Weg Artikel Seite1
Artikel aus Leben&Weg.
Diskriminierung in Euerbach erste Seite
Seite 2 aus Leben&Weg
Seite 2 aus Leben&Weg der Verbandszeitschrift der Bundesverbandes Selbsthilfe Körperbehinderter e.V.

Stadtbesuch wird zur Tortur

Artikel von http://swity.de zum Thema Barrierefreiheit

 

Mit dem Aktivisten Norbert Sandmann unterwegs.

Tortur für Norbert Sandmann. Foto: Sabrina Muth
Norbert Sandmann. Foto: Sabrina Muth

Platten, Pflaster, Stufen – beim Gang durch die Innenstadt nehmen wir unseren Untergrund meist gar nicht wahr. Was für uns nebensächlich ist, wird für Rollstuhlfahrer und auch Nutzern von Rollatoren zur Bewährungsprobe und Tortur.

Barrierefreiheit ist für Menschen mit Behinderungen unabdingbar und bedeutet, dass die gesamte Umwelt so gestaltet wird, dass sie von Menschen mit Beeinträchtigungen ohne Erschwernis und fremde Hilfe wahrgenommen werden kann. Wir sind mit Norbert Sandmann, der seit drei Jahren auf den Rollstuhl angewiesen ist, durch die Innenstadt und haben uns die Situation in Schweinfurt mal angeschaut. Weiter lesen

Erstmals „Runder Tisch“ zum Thema Inklusion und Barrierefreiheit im Landratsamt Schweinfurt

Herzensangelegenheit für Landrat Töpper – Jeder kann zu einem
unvorhersehbaren Zeitpunkt selbst zu einem Behinderten werden.


 

Erstmals hat im Landratsamt Schweinfurt ein Runder Tisch zum Thema Inklusion und Barrierefreiheit stattgefunden.
Im Bild: Landrat Florian Töpper (vorne Mitte) und der Behindertenbeauftragte des Landkreises Schweinfurt Konrad Bonengel (vorletzte Reihe rechts) begrüßten die Teilnehmer des ersten Runden Tisches zum Thema Barrierefreiheit und Inklusion im Landratsamt Schweinfurt. (Foto: Landratsamt Schweinfurt, Uta Baumann)

Erstmals hat im Landratsamt Schweinfurt ein Runder Tisch zum Thema
Inklusion und Barrierefreiheit stattgefunden. Von verschiedenen Seiten wie etwa den bestellten
gemeindlichen Behindertenbeauftragten sowie Behindertenverbänden wurde der Wunsch nach solch einer Veranstaltung an ihn herangetragen, um sich stärker zu vernetzen und gegenseitig Hilfestellung zu geben.

Gerne griff Landrat Töpper diese Idee zusammen mit Konrad Bonengel, dem
Behindertenbeauftragten des Landkreises Schweinfurt, auf. „Die Barrierefreiheit für Behinderte ist
für mich eine Herzensangelegenheit“, so Landrat Töpper. Es gelte, die Schwierigkeiten von
Behinderten den Nichtbehinderten zu vermitteln, da Jedermann zu unvorhersehbaren Zeitpunkten
selbst zu einem Menschen mit Behinderung werden kann.
Er berichtete den Anwesenden, dass der Landkreis Schweinfurt selbst ein Partner der Lebenshilfe
beim Inklusionsprojekt „Eine Region wird aktiv – Arbeit inklusiv“ sei. Die Umsetzung des
Inklusionsgedankens in seinen vielfältigen Facetten werde im Landratsamt sehr ernst genommen
und stelle eine breite Querschnittsaufgabe in vielen Abteilungen und Sachgebieten dar.
Alle Teilnehmer waren sich einig, dass diese Gesprächsrunde aus Vertretern des Landratsamtes,
der gemeindlichen Behindertenbeauftragten, Vertretern der offenen Behindertenarbeit, dem Blinden-
und Sehbehindertenbund, der Selbsthilfegruppen Körperbehinderter und Hörgeschädigten sowie
weiteren Behindertenverbänden regelmäßig stattfinden sollte. Der Austausch untereinander sei
wichtig, auch um dem Gefühl vorzubeugen, alleine in diesem Bereich tätig zu sein.
Wünschenswert sei es dazu auch, die Gemeinden im Landkreis stärker zu sensibilisieren. Aktuell
haben von 29 Gemeinden/Städten und Märkten im Landkreis Schweinfurt bereits zwölf Kommunen
einen gemeindlichen Behindertenbeauftragten bestellt. Die Bestellung ist nach dem Bayerischen
Behindertengleichstellungsgesetz eine „Soll“-Vorschrift und somit eine freiwillige Aufgabe. Und es
geht voran: Aktuellstes Beispiel ist die Gemeinde Geldersheim, die auf Anregung des Landratsamt Schweinfurt in ihrer jüngsten Sitzung nun einen Behindertenbeauftragten bestellt hat. Eine erst
vor kurzen erfolgte Abfrage des Landratsamtes hat zudem ergeben, dass auch die Gemeinde
Wipfeld in Kürze einen Behindertenbeauftragten bestellen will.
Bei neuen öffentlichen Bauvorhaben sollte auf Barrierefreiheit geachtet werden, lautete eine weitere
Forderung der Gesprächsrunde. Das betreffe nicht nur Rollstuhlfahrer, sondern auch z.B. die
Bedürfnisse von Gehörgeschädigten. Es gilt, Ideen für mehr Barrierefreiheit „auch in den Köpfen“ zu
entwickeln.
Melanie Höller von der Lebenshilfe sowie Karin Eberle von der Freiwilligenagentur Gemeinsinn
warben für das Projekt „Freiwilliges Arbeiten für Menschen mit Behinderung“ und luden zu einem
Informationsabend in die Werkstatt Sennfeld der Lebenshilfe am 7.Juni ein. Nähere Informationen
gibt es auf der Internetseite der Lebenshilfe unter www.lebenshilfe-schweinfurt.de oder per E-Mail
an offene-hilfen@lh-sw.de.

Rollstuhlgerecht Einkaufen

Rollstuhlgerecht Einkaufen


 
In der Ausgabe April/2016 von REHACARE International erschien ein Bericht über rollstuhlgerechtes Einkaufen den ich Euch nicht vorenthalten möchte. U. a. sind hier mehrere Interviews von Betroffenen enthalten in denen die ganze Problematik aus Sicht der verschiedensten Behinderungsarten beschrieben wird. Der Artikel stammt von der Autorin

Einkaufen
Nadine Lormis

Nadine Lormis einer Aktivistin und Onlinereporterin  die hier ihre Kompetenz in Sachen Belange von Behinderten unter Beweis stellt.

 

Zum Artikel>

Ein Hochseilgarten sogar für Rollstuhlfahrer

Ein Hochseilgarten sogar für Rollstuhlfahrer


Gütersloh (WB). Inklusion ist nicht nur ein Ziel in Schule und Berufsleben, sondern auch im Sport und in der Freizeit. In Gütersloh wird am 13. Juni der erste inklusive Hochseilgarten in OWL eröffnet. Er ist sogar für Rollstuhlfahrer geeignet.

Weiter lesen: http://m.westfalen-blatt.de/OWL/Lokales/Kreis-Guetersloh/Guetersloh/1992327-In-Guetersloh-oeffnet-am-13.-Juni-der-erste-behindertengerechte-Kletterpark-in-OWL-Ein-Hochseilgarten-sogar-fuer-Rollstuhlfahrer

Interview mit Raul Krauthausen

Raul Krauthausen Berliner Bloger

Wie Smartphone und Internet Menschen mit Behinderungen im Alltag helfen

Raul Krauthausen auf dem Berliner Alexanderplatz.

„Blz.: Die Mehrzahl der derzeit verfügbaren Apps aber dürften sich kaum um Belange von Menschen mit Behinderung kümmern, fürchte ich.

RK: Leider. Apps werden meist von heterosexuellen, weißen, motorisierten Männern gemacht, das spiegelt sich im Design wieder. In der Branche glaubt man an den großen Profit, andere Interessen fallen unter den Tisch. Man schätzt, dass rund zehn Prozent der Bevölkerung mit irgendeiner Behinderung leben. Aber sind diese zehn Prozent auch eine lohnende Zielgruppe? Ohne öffentlichen Druck, auch von Seiten des Gesetzgebers, wird man da nicht viel erreichen.“

Zum Artikel der Berliner Zeitung mit Raul Krauthausen